"Ich sehne mich nach den Massen“

"Ich sehne mich nach den Massen“

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Statt im Stadion gute Schießleistungen zu bejubeln oder die Athleten an der Strecke anzufeuern, müssen die Biathlon-Fans den Sport in diesem Jahr im Wohnzimmer verfolgen.

Die Biathlon-Experten der ARD und des ZDF, Kati Wilhelm und Sven Fischer, sprechen über ein besonderes Weltcup-Jahr und neue Arbeitsbedingungen. 

Unglaublich viel Schnee, aber keine Fans beim Biathlon-Weltcup in Oberhof: In diesem Jahr scheint es eine verkehrte Welt zu sein am Grenzadler?!

Kati Wilhelm: Für das Organisationskomitee und Oberhof ist es bitter, dass die Fans dieses Jahr nicht dabei sein können. Gerade jetzt, wo sich Oberhof von der schönsten Winterseite zeigt. Und auch die Kosten darf man nicht aus dem Blick verlieren: Sie haben keine Einnahmen, und trotzdem einen Riesenaufwand. Die Sportler sind froh, dass sie Biathlon machen können und dass es ein Konzept gibt, das gut funktioniert. Aber es ist schon extrem anders, wenn keine Zuschauer da sind. Wenn das riesige Stadion leer ist, sieht es eher zum Fürchten aus. 

Sven Fischer: Die zweite Weltcup-Woche ist nicht nur ein Zugewinn, sondern harte Arbeit für das OK und alle Helfer. Auch wenn die Zuschauer gern dabei gewesen wären, ist es gut, dass der Weltcup stattfindet. Es ist im Interesse der Fans, dass der Sport am Laufen gehalten wird und dass sie ihn in den Medien verfolgen können. Es ist eine gewisse Ablenkung. 

Herr Fischer, das ZDF überträgt die Rennen der ersten Weltcup-Wochen. Sie werden diesmal nicht im Studio in Mainz sein, sondern vor Ort in Oberhof. 

Sven Fischer: Bei den bisherigen Weltcups habe ich von den Erfahrungen mit den Athleten und Betreuern gelebt. Das war wie eine Spardose, die irgendwann mal leer ist, denn meine Expertenrolle lebt davon, im Zirkus zu sein. Wenn der Kontakt nicht mehr da ist, ist meine Arbeitsgrundlage weg. Dann kann ich nur aus der Geschichte erzählen, aber nichts Aktuelles. Weil ich in der Nähe wohne, konnte ich in die Blase rein. Ich werde ins Studio geschaltet, wo Alexander Ruda und Laura Dahlmeier sind. 

Frau Wilhelm, die ARD übernimmt in der zweiten Woche. Sie werden im Studio des RBB in Berlin sein. 

Kati Wilhelm: Normalerweise wäre Magdalena Neuer in der Woche dran gewesen. Als es hieß, dass Oberhof für Ruhpolding übernimmt, haben wir getauscht. Vor drei Wochen wurde aber entschieden, dass wir weiterhin aus dem Studio senden wollen und ich nach Berlin reise. 

Sie berichten also aus der Bundeshauptstadt über den Weltcup vor Ihrer Haustür. Fühlt sich das nicht komisch an?

Kati Wilhelm: Am Dienstag werden wir noch in Oberhof drehen, um aktuelle Bilder von der Strecke zu haben. Es wäre schon komisch, wenn man mich überhaupt nicht auf meiner Heimstrecke sieht. Ob ich für Hochfilzen oder für Oberhof in Berlin stehe, ist eigentlich egal. Aber generell ist es schon komisch, aus dem Studio zu berichten. Es fehlt das Flair. Auch wenn keine Fans vor Ort sind, würde ich wenigstens die Schüsse und das Scheibenklappern hören. 

Die Sportler und Betreuer leben in einer Blase, und auch Ihre Arbeit hat sich deutlich verändert. Können Sie auch Vorteile der neuen Situation ausmachen, zum Beispiel weniger Reisen ins Ausland?

Sven Fischer: Der einzige Vorteil, den ich sehe, ist die schnellere An- und Abreise, weil der große Zuschauerstrom nicht da ist. Darauf würde ich aber gerne verzichten. Ich sehne mich nach den Massen, nach der Stimmung, auch wenn Nachwuchsathleten ohne tobende Masse lockerer ins Rennen gehen und in Ruhe Fuß fassen können im Weltcup-Zirkus. Aber, wie bei einer Verletzung, habe ich Hoffnung auf Genesung und dass Mittel und Wege gefunden werden, um Corona in die Geschichtsbücher zu schreiben. 

Kati Wilhelm: Ob ich nach Berlin fahre oder nach Oslo fliege, spielt kaum eine Rolle. Ich teile mich mit Magdalena Neuner in die Sendungen rein. Deswegen waren die Reisen für mich eher eine willkommene Abwechslung vom normalen Alltag, zu der ich nicht nein gesagt habe. Ich bin gerne wieder in die Welt eingetaucht. 

Und die Jackensammlung muss jetzt erst einmal im Schrank bleiben?

Kati Wilhelm: Die, die ich mir bestellt habe, warten noch auf das Ausführen in diesem Jahr. Ich bin schon ein bisschen in die Bredouille gekommen, um Klamotten für das Studio zu suchen. Wegen Corona hat man sich keine Gedanken darum gemacht, schick auszusehen. Man rennt sowieso den ganzen Tag nur im Jogginganzug zu Hause rum. 

Wenige Vorteile also. Und welche Nachteile haben sich ergeben?

Sven Fischer: Für mich ist es absolut wichtig, die Strecke zu fahren und die Bedingungen vor Ort zu fühlen, den Wind und die Luftfeuchte und wie der Schießstand aufgebaut ist. Wenn man diese Faktoren kennt, ist es einfacher, das Feld einzuordnen, auch wenn es im Biathlon natürlich immer Überraschungen gibt. 

Kati Wilhelm: Ich habe beim Training versucht, mit dem ein oder anderen zu quatschen. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Ich rufe die Sportler aber auch nicht an. Sie haben ja alle soziale Netzwerke, über die man sich gut auf dem Laufenden halten kann. Und ich habe meine Quellen, über die ich an Informationen komme. 

Sie haben Ihre Karrieren 2007 bzw. 2010 beendet. Die Entwicklung im Biathlon-Zirkus geht Jahr für Jahr weiter. Wird es dadurch immer schwerer, sich auf die Expertenrolle vorzubereiten?

Kati Wilhelm: Der Abstand zur Mannschaft wird größer. Als Andrea Henkel noch im Team war oder Trainer, die noch mit mir gearbeitet haben, war das anders. Aber meiner Meinung nach ist es nicht wichtig, ein sehr persönliches Verhältnis zu den Sportlern zu haben, um gut über den Sport zu berichten und die Leistungen einordnen zu können. Auch ohne nah dran zu sein, kann ich darüber sprechen, wie sich der Athlet nach einem Rennen fühlt und welche Rückschlüsse er zieht. Wenn sich die Technik verändert, muss ich mich natürlich auf dem Laufenden halten. Mich hat es als Sportlerin auch immer aufgeregt, wenn Experten dabei waren, die schon ewig keine Biathlonwaffe mehr in der Hand hatten und dann davon erzählen wollten. 

Gibt es von den Sportlern auch mal auf den Deckel?

Sven Fischer: Das gibt es auch. Erik Lesser hat den Schnabel am rechten Fleck. Er analysiert sich selbst sehr gut. Er ist selbstkritisch, kann aber auch kommunizieren, wenn er etwas gut gemacht hat. Er gibt mir auch die ein oder andere Sache zu verstehen (lacht).  

Interview: Susann Eberlein

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