Kannibale vor der Kamera

Kannibale vor der Kamera

Auch im ersten Jahr nach seinem Karriereende hat es sich die Biathlon-Legende Ole-Einar Björndalen nicht nehmen lassen, nach Oberhof zu kommen. Er arbeitet als Experte für das norwegische Fernsehen.  Ist er es oder ist er es nicht? Die Mütze weit ins Gesicht gezogen, ohne Ski und Gewehr unterwegs, ist Ole-Einar Björndalen nicht für jeden leicht zu erkennen. Den eingefleischten Fans in Oberhof kommt er aber nicht so leicht davon. Sie bejubeln ihn wie zu aktiven Zeiten, wenn er in der Mixed-Zone Interviews mit den Aktiven führt. Er klatscht mit den Anhängern ab und erfüllt den einen oder anderen Autogrammwunsch. Ole-Einar Björndalen hat in seiner Karriere alles gewonnen: Er ist 20-facher Weltmeister, hat bei Olympischen Spielen acht Goldmedaillen gewonnen und konnte den Gesamtweltcup sechsmal für sich entscheiden – und wird wegen seiner Erfolge gerne als Kannibale bezeichnet. 

Nach einem Vierteljahrhundert im Weltcup beendete er seine Karriere im April 2018, nachdem er Olympia in Pyeonchang verpasste. Sein letztes offizielles Rennen lief er, zusammen mit seiner Ehefrau Darja Domratscheva, kurz vor dem Jahreswechsel auf Schalke. „Ich war zu Weihnachten krank und deswegen war es für mich sehr anstrengend. Aber es war ein sehr schönes Erlebnis für meine Frau und mich. Wir hatten Gänsehaut ab der ersten Minute des Rennens“, sagt er. In Oberhof ist die ebenfalls ehemalige Spitzenathletin nicht dabei. „Sie sind zu Hause in Minsk“, sagt der 44-Jährige über seine Frau und die gemeinsame zweijährige Tochter. 

Experte  für norwegisches Fernsehen
Viel Zeit hätte die Biathlon-Legende sowieso nicht für sie gehabt. Er ist als Experte für einen norwegischen Fernsehsender in Oberhof. „Wir haben keine Senderechte, aber besprechen ein paar interessante Themen“, sagt er über seinen neuen Job. Die Feuertaufe erlebte er beim Saisonauftakt im slowenischen Pokljuka, auch in Ruhpolding und Antholz wird er dabei sein. Die neue Rolle taugt dem Norweger: „Ich bin viele Jahre als Athlet gelaufen. Jetzt ist es interessant, den Sport von der anderen Seite zu sehen.“ Langweilig wird es Ole-Einar Björndalen nach seinem Karriereende nicht. Er trainiert noch fast jeden Tag, auch in Oberhof stand er auf dem Ski. „Und ich habe ganz viele Projekte und probiere, so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen“, sagt er. In vier Jahren, wenn die Biathlon-WM am Grenzadler stattfindet, würde er gerne wieder in die Rennsteigstadt kommen. „Es wäre auf jeden Fall sehr interessant zu sehen. Und ich hoffe, dass der Weltcup Oberhof auch in Zukunft bestehen wird. Es ist eine gute Kultur und Tradition hier“, sagt er. 

Susann Eberlein
Weltcup-Medienteam