Vom Athleten zum Experten: Erik Lesser schlüpft in seine neue Rolle

Vom Athleten zum Experten: Erik Lesser schlüpft in seine neue Rolle

Nach seinem Rücktritt ist Erik Lesser in der Biathlon-Saison 2022/23 als ARD-Experte im Einsatz. Zur Halbzeit des Weltcups in Kontiolahti (Finnland) spricht der 34-Jährige über seine neue Rolle, seinen Tipp-Zettel und die WM in Oberhof.

Erik Lesser

Plätzchen backen, Schneemann bauen und die ersten Ski-Runden im Thüringer Wald drehen: Ein Biathlon-Rentner bereitet sich anders auf den Winter vor als ein Aktiver.

Ich war zwar vor drei Jahren beim Laternenumzug in Oberhof dabei, aber sonst zu dieser Zeit nie zu Hause. Ich musste mir schon Ende Oktober Gedanken machen, ob ich in Skandinavien Plätzchen gebrauchen könnte. Jetzt genieße die Zeit mit meiner Familie ganz bewusst.

In dieser Woche wird der Weltcup im finnischen Kontiolahti eröffnet. Seit vielen Jahren erstmals ohne Sie an der Startlinie. Vermissen Sie es?

An der Startlinie zu stehen, reizt mich überhaupt nicht. Ich habe nicht das Gefühl, mitmachen zu wollen. Dafür vermisse ich das Unterwegssein mit der Mannschaft, Kaffee und Kuchen am Nachmittag oder die Abende mit Feuerchen in der Hütte. Und das Streben nach Perfektion.

Mit Ihrem Rücktritt musste sich das deutsche Männer-Team neu sortieren.

Biathlon ist eine Individualsportart. Jeder muss für sich schauen, wie es im Training und im Wettkampf am besten funktioniert. Es ist förderlich, wenn das Team miteinander harmoniert, aber es gibt keinen Chef. Bei der Abstimmung, wann wir abfahren oder wo wir abends essen gehen, hat mein Wort vielleicht etwas mehr Gewicht gehabt, aber ich war nicht der Leader.

Sie sind nun als Experte im Einsatz. Wie haben Sie sich auf die neue Rolle vorbereitet?

Ich habe mir ein Schimpfwörterbuch besorgt, damit ich weiß, welche ich nicht benutzen darf (lacht). Nein, im Ernst: Ich habe mich so gut wie gar nicht vorbereitet. Ich vertraue auf mein Fachwissen, das ich mir in den letzten Jahren angeeignet habe. Für Statistiken sind andere zuständig.

Bringen Sie frischen Wind in die Berichterstattung?

Ich kenne die Einschränkungen der Sender. Sie müssen ein breites Spektrum bedienen, von Jung bis Alt. Ich würde mir wünschen, dass wir nicht immer wieder das Gleiche berichten, sondern den Zuschauern zu Hause auch einmal etwas zumuten. Im Fußball wird Abseits nicht ständig erklärt, dafür aber über Taktiken diskutiert. Das ist auch im Biathlon möglich.

Ihr Kumpel Arnd Peiffer hat bereits TV-Erfahrungen gesammelt. Hatte er Tipps parat?

Arnd hat mir erzählt, dass es vorweg Proben gibt. Ich hasse nichts mehr, als in ein Interview zu kommen und die Fragen vorher schon zu wissen. Das verfälscht meine Antwort, weil ich dann zu viel Zeit habe, darüber nachzudenken. Auf die Frage, wie viele Olympia- und WM-Medaillen ich zu Hause habe, hätte ich spontan zum Beispiel keine Antwort. Weil es mir nicht wichtig ist. Wenn ich aber Zeit habe, komme ich in die Verlegenheit, doch nachzurechnen.

Welche Interviewfrage wollen Sie sich verkneifen?

Um ehrlich zu sein, finde ich Fragen wie „Warum hat es heute nicht geklappt“ oder „Warum haben Sie nicht getroffen“ gar nicht schlimm. Der Interviewer muss ja etwas fragen, damit der Sportler erzählen kann. Mir konnte und kann man jede Frage stellen, ich habe zu jeder eine Antwort. Die Sichtweise darf, wie beim Champions-League-Interview von Nils Karpen und Toni Kross, auch auseinander gehen. Es ist vollkommen in Ordnung, Emotionen zu zeigen.

Tauschen sich die Aktiven nach wie vor mit Ihnen aus oder haben Sie Angst, dass Sie die Informationen im Fernsehen ausplaudern?

Aus unserer Weltcup-WhatsApp-Gruppe bin ich relativ schnell rausgeflogen. Die Gruppe des Athletensprechers habe ich dankend an Johannes Kühn abgegeben. Dafür bin ich aber noch in der Gruppe der Oberhofer Trainingsgruppe. Nach den zwei Qualifikationsrennen habe ich mit Benni und Philipp telefoniert und hatte nicht das Gefühl, dass sie jetzt zurückhaltender sind. Wir können privat und beruflich quatschen.

Wen haben Sie für die neue Saison auf dem Zettel?

Die üblichen Verdächtigen, also Johannes Thinges Boe und Quentin Fillon Maillet bei den Männern und die Oeberg-Schwestern bei den Frauen. Bei den Youngstern traue ich dem Franzosen Eric Perrot und Martin Uldal aus Norwegen viel zu. Denise Herrmann-Wick und Dorothea Wierer werden aus meiner Sicht nicht um den Gesamt-Weltcup kämpfen, aber punktuell stark sein. Und auch Vanessa Voigt weiß, was sie kann und wie sie besser wird.

Die Biathlon-WM in Oberhof gilt als Saisonhöhepunkt. Sie werden sie gemeinsam mit Arnd Peiffer begleiten. Wie blicken Sie darauf?

Es ist natürlich schön, dabei zu sein und die Spannung im Team mitzubekommen. Ich bin vor allem gespannt, was Oberhof und die Region mit der WM anstellt. Ich hoffe, dass die Fans eine einzigartige WM erleben werden.

Interview: Susann Eberlein

Foto: Christian Heilwagen